Tagebuch 01 — Von der Pflanze zur Faser

Bevor ein Textil einen Raum betritt, hat es bereits viele Leben gelebt.

Es mag als Halm auf dem Feld begonnen haben, geformt von Erde, Regen, Wind und Jahreszeiten. Es mag geerntet, zu Fasern verarbeitet, zu Garn gesponnen, zu Stoff gewebt und erst viel später mit Farbe in Berührung gekommen sein. Wenn es dann zu einem Vorhang, einem Noren oder einem Raumteiler wird, trägt es bereits eine stille Erinnerung an die natürliche Welt in sich.

Bei libuzizhi fühlen wir uns zu Materialien hingezogen, die ihren Ursprung nahe der Erde haben. Leinen stammt von Flachs. Ramie stammt von einer Pflanzenfaser, die in ostasiatischen Textiltraditionen seit langem wegen ihrer klaren Textur und ihres starken Charakters geschätzt wird. Diese Fasern sind keine anonymen Oberflächen. Sie bringen ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Widerstand und ihre eigene Art der Farbwiedergabe mit.

Leinen besitzt eine vertraute Wärme. Es passt mühelos in den Alltag – an Fenster, Türen, in Schlafzimmer und in Räume, die sich mit der Nutzung langsam verändern. Es wird mit der Zeit weicher, wirft natürliche Falten und fühlt sich nie zu perfekt an.

Ramie besitzt eine andere Art von Schönheit. Seine Textur ist klarer, strukturierter und leicht streng. Es bewahrt eine gewisse Distanz, eine gewisse Helligkeit im Gewebe. Als Türvorhang oder weiche Abtrennung lässt Ramie Luft und Licht präsent bleiben. Es trennt, ohne zu verschließen.

Deshalb ist das Material wichtig, bevor das Design beginnt.

Eine Naturfaser wartet nicht einfach darauf, dass ein Muster auf sie aufgebracht wird. Sie reagiert. Sie entscheidet, wie sich die Farbe absetzt, wie das Licht durchscheint, wie sich die Oberfläche im Wind bewegt, wie der Stoff in einem Türrahmen hängt. Die gleiche Pflanzenfarbe kann auf Leinen wärmer, auf Ramie reiner, auf Seide leuchtender oder auf Organza fast schwerelos erscheinen.

Für uns beginnt das Design damit, der Faser zuzuhören.

Wir möchten ein fertiges Textil nicht von seinem Ursprung trennen. Ein Vorhang ist nicht nur ein Objekt am Ende der Produktion. Er ist Teil einer längeren Bewegung: Pflanze wird Faser, Faser wird Stoff, Stoff erhält Farbe, und das Textil kehrt in den Alltag zurück.

Wenn ein libuzizhi-Stück in ein Zuhause kommt, trägt es mehr als nur Muster und Funktion. Es trägt etwas vom Feld, vom Berg, von der Jahreszeit, von der Hand und von der langsamen Intelligenz des natürlichen Materials in sich.

Es ist nicht nur dazu gemacht, eine Tür zu verdecken oder ein Fenster zu verschönern.

Es ist dazu gemacht, die Natur still und leise in den Raum zurückkehren zu lassen.